Das Ich-Radio: Bilanz des 1. Deutschen Podcast Kongresses
10 April 2006 | Knowledge/Information Work, Tools, Podcasting | No Comments
Der 1. Deutsche Podcast Kongress ist vorüber. Meine eigenen Gefühle sind gemischt.
Einerseits konnte man viele interessante Dinge erfahren. So konnte man von Alexander Wunschel erfahren, dass nach einer Umfrage knapp 90 Prozent der deutschen Podcasthörer männlich sind. Ein erstaunliches Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, wie ich finde. Weiterhin ist ein grosser Teil (49%) der Podcasthörer Single, überdurchschnittlich gebildet, im Schnitt 29 Jahre alt und verfügt über ein Netto-Einkommen von ca. 2150 Euro monatlich. Insofern handelt es sich offensichtlich um eine ziemlich interessante und vor allem potenziell konsumstarke Zielgruppe für Werbung, weshalb das Marketing an diesem Medium auch ein hohes Interesse zeigt. So berichtete auch BMW über Erfahrungen mit Podcasts im Rahmen der Automobilausstellung IAA, die wohl überwiegend positiv waren. Der zweite Teil der Veranstaltung widmete sich dem Thema “Informelles Lernen”, in dem auch ich meinen Vortrag hielt (siehe hier). Anschliessend berichtete Beck et al. Services über ein konkretes Einsatzszenario im Rahmen von interner Projektkommunikation. Zuletzt wurden noch Awards an private Podcaster verliehen.
Andererseits kann man sich dem Gefühl nicht entziehen, dass da teilweise eine Übertreibung stattfindet, das Medium Podcasting als “Allheilmittel” für eine bessere Zukunft propagiert wird. Fakt ist, dass (bis auf Musik) Podcasting bislang nur in sehr beschränktem Rahmen tragfähige Geschäftsmodelle hervorgebracht hat und überwiegend von “Ich-Radios”, also einzelnen Enthusiasten getragen wird. Auch wenn die Zahl dieser Enthusiasten grösser wird, sollte man m.E. die Erwartungen an dieses Medium nicht übertreiben. Es kann und wird Beiträge auf vielen Gebieten (Marketing, Kommunikation, Lernen) leisten können. Wie diese genau aussehen, wird sich zeigen.
Die Presse zeigt sich teilweise skeptisch. So spricht die Frankfurter Rundschau von fehlender Substanz und einem Medium in den Kinderschuhen. Da ist sicherlich einiges Wahres dran. Jedoch wirkt die dort geäusserte Kritik leicht polemisch und warum “Podcasting im Ökosystem Lernen” bedeuten soll, dass sich das neue Medium nicht etabliert, bleibt wohl das Geheimnis der Autorin des Artikels. Die Süddeutsche Zeitung geht das Ganze etwas hippiger an und fokussiert mit ihrer “Nabelschau der Redegewandten” eher auf die privaten Podcaster.
Über die Möglichkeiten des Einsatzes von Podcasting im Bereich Lernen habe ich in der letzten Woche mit zwei Radiosendern (Schweizer Radio DRS2 und Deutschlandfunk) gesprochen. Die beiden daraus entstandenen kurzen Berichte stehen hier auf information-work.com als Podcast (oder einfach altmodisch gesprochen als MP3-Datei) zum Download zur Verfügung.
Rückblickend bleibt der Kongress eine interessante Erfahrung. Es ist das erste Lebenszeichen dieses Mediums in der breiten Öffentlichkeit und wurde daher - nicht zuletzt aufgrund des gewählten Ortes (Königssaal der Bayerischen Oper in München) - teilweise mit Skepsis verfolgt. Ich glaube jedoch, dass die Feuertaufe bestanden wurde und Podcasting eher gestärkt aus dieser Veranstaltung herausgegangen ist.
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